Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Finanz­ge­richt hat die Rück­for­de­rung von Kin­der­geld in Fäl­len abge­lehnt, in denen nach­träg­lich bekannt wird, dass ein ande­rer Staat als Deutsch­land vor­ran­gig Fami­li­en­leis­tun­gen zu zah­len hat. Der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen ist nicht nach­träg­lich auf das nach deut­schem Recht gewähr­te Kin­der­geld anzu­rech­nen, wenn der Kin­der­geld­be­rech­tig­te die ihm im Aus­land zuste­hen­den Fami­li­en­leis­tun­gen dort weder bean­tragt noch bezo­gen hat. Das gilt ins­be­son­de­re dann, wenn bei unter­blie­be­ner Antrag­stel­lung im vor­ran­gig für die Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Staat nicht (mehr) mög­lich ist.

Pra­xis-Bei­spiel:
Der Klä­ger leb­te mit sei­ner Fami­lie (Ehe­frau und drei Kin­dern) durch­ge­hend in Deutsch­land. Seit 2006 ist er in Däne­mark erwerbs­tä­tig. Sei­ne Ehe­frau war als Haus­frau nicht erwerbs­tä­tig. Kin­der­geld­an­trä­ge für sei­ne bei­den erst­ge­bo­re­nen Kin­der gin­gen bei der Fami­li­en­kas­se noch vor der Erwerbs­tä­tig­keit in Däne­mark ein. In Däne­mark wur­den von dem Klä­ger zu kei­ner Zeit Fami­li­en­leis­tun­gen bean­tragt. Den Kin­der­geld­an­trag für sein dritt­ge­bo­re­nes Kind stell­te der Klä­ger im Jahr 2014 und die im Antrag zu beant­wor­ten­de Fra­ge, ob der Klä­ger außer­halb Deutsch­lands als Arbeit­neh­mer tätig sei, wur­de dort ver­neint. Im Rah­men eines erneu­ten Kin­der­geld­an­tra­ges im Jahr 2021 wur­de die­se Fra­ge dann mit "JA" beantwortet.

Die Fami­li­en­kas­se änder­te dar­auf­hin die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des, indem sie Kin­der­geld nur noch in Höhe des Unter­schieds­be­tra­ges zu den in Däne­mark zuste­hen­den Leis­tun­gen gewähr­te und zugleich das zu viel gezahl­te Kin­der­geld in nicht uner­heb­li­cher Höhe von dem Klä­ger zurück­for­der­te. Der Ein­spruch des Klä­gers blieb erfolglos.

Das Finanz­ge­richt gab der Kla­ge statt, weil die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für die Zah­lung des Kin­der­gel­des unstrei­tig erfüllt sind. Zwar ist der Anwen­dungs­be­reich der VO (EG) 883/2004 eröff­net und Däne­mark vor­ran­gig für die Gewäh­rung von Kin­der­geld zustän­dig. Die Fami­li­en­kas­se ist aber auf­grund der Ent­schei­dung des EuGH vom 25.4.2024 (C-36/23) dar­an gehin­dert, die Kin­der­geld­fest­set­zung gegen­über dem Klä­ger auf­zu­he­ben und Kin­der­geld zurück­zu­for­dern, weil Däne­mark in der Ver­gan­gen­heit tat­säch­lich kei­ne Fami­li­en­leis­tun­gen fest­ge­setzt und aus­ge­zahlt hat­te und dies gemäß eines Aus­kunfts­er­su­chens nach Däne­mark auch nicht mehr erfol­gen würde.

Der Umstand, dass der Klä­ger zunächst nicht mit­ge­teilt hat­te, dass er ab 2006 in Däne­mark tätig ist, führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Der EuGH hat in sei­nem Urteil aus­ge­führt, dass die Abhil­fe für eine Ver­let­zung der Infor­ma­ti­ons­pflicht nicht in der Rück­for­de­rung der Leis­tung gemäß Art. 68 der VO 883/2004 besteht, son­dern in der Anwen­dung ange­mes­se­ner Maß­nah­men des natio­na­len Rechts. Das Finanz­ge­richt ver­steht den EuGH dahin­ge­hend, dass eine Mit­wir­kungs­pflicht­ver­let­zung allein nicht aus­reicht, um eine Rück­for­de­rung nach natio­na­lem Recht zu gestat­ten. Erst wenn tat­säch­lich aus­län­di­sche Zah­lun­gen geleis­tet wur­den, kann die­ser Umstand zu Rück­for­de­run­gen fühtren.

Hin­weis: Gegen die­se Urtei­le wur­de Revi­si­on ein­ge­legt (Az. beim BFH: III R 51/25 und III R 52/25).

Quelle:Finanzgerichte | Urteil | FG Schles­wig-Hol­stein, 5 K 31-32/24 | 11-11-2025